Muslimischer Politiker Mohamed Hamdaoui von der Mitte-Partei klagt über Kopftuch-Boom in Biel BE.
«Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich in Marrakesch befinde und nicht in Biel.» Mit dieser Aussage lanciert der muslimische Politiker Mohamed Hamdaoui, Die Mitte eine neue Kopftuch-Debatte.
Ein muslimischer Bieler Politiker sorgt mit einem Marrakesch-Vergleich für Aufsehen. Eine Bieler Muslima nennt die Kopftuch-Aussage pauschalierend und problematisch. Experten sehen keinen Beleg für einen Kopftuch-Boom und warnen vor Rassismus.
In Biel BE entflammt die Debatte um das Kopftuch. Grund dafür: Ein Interview, das es in sich hat. «Ich will niemanden vor den Kopf stossen», sagt Mohamed Hamdaoui in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit «Ajour». «Aber ich habe manchmal wirklich fast das Gefühl, dass ich mich in Marrakesch befinde und nicht in Biel.» Der Mitte-Stadtparlamentarier und frühere SP-Politiker beobachtet nach eigenen Angaben einen zunehmenden Kopftuch-Trend in Biel.
Besonders schockiere ihn, wenn «kleine Kinder» ein Kopftuch tragen, sagt der nichtpraktizierende Muslim. Für junge Mädchen fordert Hamdaoui sogar ein Verbot. «Wenn eine 40- oder 50-jährige Frau ein Kopftuch trägt, gehört es dazu. Für Mädchen, die noch keine 12 Jahre alt sind, ist es für mich komplett inakzeptabel. Da bin ich für ein Verbot.» Als mögliche Ursachen nennt er den Einfluss von Social Media. Dort würden Imame jungen Menschen vermitteln, dass sie nur mit Kopftuch «eine gute Muslimin» seien.
Auch konservative Staaten wie Saudi-Arabien und Katar sieht Hamdaoui in der Verantwortung. Deren Einfluss auf junge Musliminnen sei auch in Biel spürbar. Diese Aussagen sorgen für Kritik. In Biel gibt es überdurchschnittlich viele Muslime: Die städtische Statistik erfasst lediglich die Konfessionszugehörigkeit. «Der Anteil der Bevölkerung islamischer Konfession ist nach einem Anstieg in den 2010er-Jahren seit 2020 in Biel rückläufig.» 2022 lebten in Biel 4’895 Personen islamischer Konfession. Die Gesamtbevölkerung betrug 43’897 Personen.
Auch auf nationaler Ebene gibt es keine Daten dazu, wie viele Frauen und Kinder ein Kopftuch tragen. Darauf verwies der Bundesrat in einem Bericht vom vergangenen Oktober. Für Aziz Khalifa, Präsident des Islamischen Kantonalverbands Bern, sind deshalb keine gesicherten Aussagen zur Kopftuch-Debatte möglich. Und: «Es ist gefährlich, individuelle Wahrnehmungen mit einer ganzen Religionsgemeinschaft zu vermischen. Solche Aussagen können antimuslimischen Rassismus verstärken.» Ähnlich äussert sich Amir Dziri, Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft.

